Sonntag, 24.12.2017 Vierter Advent

Gottesschicksal

Versteckt in einem Futtertrog
versteckt ein Leben lang
unter menschlicher Haut
unmenschlich geschlagen

erkennbar am geteilten Brot
im geteilten Leben

sein Wort für die Ärmsten
hat immer noch Gültigkeit

sein barmherziges FremdWort

Wilhelm Bruners

Allen, die den vorweihnachtlichen Weg des Nachdenkens zusammen mit mir beschritten haben, danke ich sehr herzlich und wünsche heute einen gesegneten 4. Adventssonntag und Heiligen Abend – und danach ein von Gnade und Liebe erfülltes Weihnachtsfest!

München / Berchtesgaden, 24.12.2017
Wolfgang Sauer

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Samstag, 23.12.2017

Evangelium am Samstag, 23.12.2017 (Lk. 1,57-66)

Für Elisabet kam die Zeit der Niederkunft, und sie brachte einen Sohn zur Welt. Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr. Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben. Seine Mutter aber widersprach ihnen und sagte: Nein, er soll Johannes heißen. Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt. Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb zum Erstaunen aller darauf: Sein Name ist Johannes. Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen, und er redete und pries Gott. Und alle, die in jener Gegend wohnten, erschraken, und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa. Alle, die davon hörten, machten sich Gedanken darüber und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn es war deutlich, dass die Hand des Herrn mit ihm war.

 

Darum geht es

Unmittelbar vor dem Vierten Advent, der in diesem Jahr in den Heiligen Abend mündet, wird unser Blick noch einmal auf den Lebensweg jenes Menschen gelenkt, der uns als der „Vorläufer“ überliefert ist. Nach verwandtschaftlichem Brauch soll das Kind, dem Elisabet wider Erwarten das Leben schenken durfte, den Namen seines Vaters erhalten. Elisabet lehnt das zur Verwunderung der Umstehenden ab. Und auch Zacharias erinnert sich an die Begegnung mit dem Engel, die ihn stumm gemacht und ihm zugleich den Namen seines Kindes ans Herz gelegt hatte. „Sein Name ist Johannes!“ Kaum hat er dies aufgeschrieben, löst sich seine Zunge nach Monaten der Stummheit, „und er pries Gott“. Doch diesem vermeintlichen happy end folgt eine denkwürdige Anmerkung, die der Evangelist am Ende seines Berichtes notiert. Die staunenden Zeugen der überwundenen Stummheit des Zacharias – und nicht nur sie, sondern alle Menschen, die davon hörten – stellen sich die Frage „Was wird wohl aus diesem Kind werden?“, weil sie etwas von seiner Besonderheit spüren, und „dass die Hand des Herrn mit ihm war“.

Das hat mich besonders angesprochen

Ihrem Kind einen Namen geben ist das vornehme Recht der Eltern. Unser Vorname begleitet uns ein Leben lang. Während der Nachname unsere Herkunft und familiäre Tradition beschreibt, ist der Vorname ein wesentlicher Bestandteil unserer innersten Identität. Wer beim Vornamen gerufen wird, empfindet dabei Vertrautheit und Wertschätzung. Viele biblische Namen tragen den Verweis auf Gott in sich, wir sprechen von „theophoren“ Namen. „Johannes“ gehört dazu. Ich mag diesen Namen, weil mein Taufpate so hieß: es ist mein zweiter Vorname. Und auf meine Frage, nach welchem Johannes denn mein Onkel Hans benannt war – es gibt da ja mehrere, zum Beispiel auch den Apostel Johannes –, bekam ich die Antwort, die mich stolz macht bis heute: Johann Baptist, Johannes der Täufer. Der Vorläufer. Das beschreibt eine existentielle Sendung!

Das sagt mir das Evangelium für mein Leben

Auf der Kreuzigungsgruppe des bekannten Isenheimer Altars von Matthias Grünewald ist Johannes der Täufer zu sehen, wie er mit einem unnatürlich langen Zeigefinger auf den toten Jesus zeigt. „Seht das Lamm Gottes!“ ist als Inschrift unter dem Täufer zu lesen. Die Szene ist unhistorisch, weil Johannes zum Zeitpunkt des Todes Jesu längst zum Märtyrer seiner Standhaftigkeit gegen über dem König Herodes geworden war. Aber hier gelten nicht die Gesetze der Historie, sondern die innere Bestimmung, die in der Darstellung zum Ausdruck kommt. Johannes war nicht selbst das Licht, er sollte Zeugnis ablegen für das Licht. In der Vorläufigkeit des Vorläufers erkenne ich mein eigenes Leben wieder. Alles ist vorläufig, bis dann im Kommen des Reiches Gottes alles zu seiner Vollendung gelangen darf. – Christliche Lebenskunst besteht darin, das Vorläufige vom Endgültigen zu unterscheiden. Und wir glauben daran, dass mit Weihnachten, dem Fest der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, das Endgültige gekommen ist, und Gott sein Zelt unter uns Menschen aufgeschlagen hat. Dann wird sich die Mission des Johannes erfüllt haben.

 

Freitag, 22.12.2017

Evangelium am Freitag, 22.12.2017 (Lk. 1, 46-56)

Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

 

Darum geht es

Die Begegnung mit Elisabet löst auch Maria die Zunge, und sie stimmt das neutestamentliche „Lied der Lieder“ an, das Magnifikat. Es singt von der Größe eines Gottes, der ein ganz besonderes Auge hat für die Kleinen und die Armen. Die im Elend leben, sind Gottes liebste Kinder. Mit dieser Feststellung wird eine Umwertung aller Werte vollzogen, eine Revolution aus dem Herzen Gottes. Der Lobgesang Mariens spricht auch in ernster Weise von den Reichen und Mächtigen, die sich ihrer Macht und Herrlichkeit nicht zu sicher sein sollten. Und er preist die Treue Gottes zu seinem Volk. Auch wenn unser eigenes Herz uns anklagt: Gottes Erbarmen ist größer als unser Herz. – Das Magnifikat ist zum Abendgebet der Christenheit geworden. Dort, wo uns am Ende des Tages die Kräfte verlassen und wir der Unfertigkeit unseres Handelns gewahr werden, ist das Magnifikat ein Lied des Trostes und der von Gott geschenkten Zukunft.

Das hat mich besonders angesprochen

Wenn wir an die millionenfachen Schicksale von Flucht, Vertreibung und Verfolgung denken, die sich in unseren Tagen fast vor unserer Haustür ereignen, bekommt der Satz „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ einen unvergesslichen Sinn. Ich denke an die „Option für die Armen – die opción preferential por los pobres“, die in der lateinamerikanischen Theologie eine so besondere Rolle spielt. Treu dieser Tradition seines Heimatkontinents hat Papst Franziskus den „Welttag der Armen“ ins Leben gerufen. Er hat ihn erstmals am zurückliegenden 19. November begangen und dabei 1500 Bedürftige zum Mittagessen in den Vatikan eingeladen. Damit gibt er ein Beispiel und redet er einer Welt ins Gewissen, die vor lauter Gewinnmaximierung alle Grenzen des Moralischen hinter sich lässt. Die Schadenfreude gegenüber denen, die durch Panama- und Paradise-Papers entlarvt werden, steht in keinem Verhältnis zum massenhaften Elend, das mit diesen Praktiken einhergeht, und vor dem niemand achselzuckend weglaufen darf.

Das sagt mir das Evangelium für mein Leben

Ich denke an das Kirchenlied „Gott ruft sein Volk zusammen“. In der zweiten Strophe heißt es: „In göttlichem Erbarmen liebt Christus alle gleich: die Reichen und die Armen, die führt er in sein Reich.“ Franz Kamphaus, der frühere Bischof von Limburg, hat diese Liedzeile einmal sehr bitter kommentiert: „Das könnte uns Reichen so passen!“ Das Evangelium ist nicht indifferent gegenüber reich und arm. Der reiche Prasser hat keinen Namen, der Arme vor seinen Toren trägt einen Namen: Lazarus. Wir können und dürfen zwar Gottes Gericht nicht vorgreifen, aber wessen Name in Gottes Hand geschrieben ist, der oder die darf die Verheißungen des Magnifikat sicher unmittelbarer auf sich beziehen als jene, die ihren Reichtum versteckt und auch selbst namenlos, gesichtslos geworden sind. – Wenn es am Ende des heutigen Evangeliums heißt, dass Maria drei Monate bei Elisabet blieb, kann ich mir vornehmen, meine Zeit so einzuteilen, dass auch Gelegenheit bleibt sie mit anderen zu teilen – besonders mit denen, die besonders darauf warten.

Donnerstag, 21.12.2017

Evangelium am Donnerstag, 21.12.2017 (Lk. 1,39-45)

Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

 

Darum geht es

Das Evangelium schildert uns die zugeneigte Solidarität zwischen zwei schwangeren Frauen. Beide ahnen, was es bedeutet, einer so nicht erwarteten Geburt entgegenzugehen. Doch wir werden mit diesem Evangelium auch Zeugen von einer im wahrsten Sinn des Wortes „tieferliegenden“ Begegnung, die über die gegenseitige Hilfsbereitschaft der beiden hinausgeht. Der Gruß, den Maria ihrer Verwandten schenkt, löst auch bei Johannes, der im Leib seiner Mutter Elisabet der Geburt entgegenwächst, eine Reaktion der Freude aus. Auf diese Weise inszeniert der Evangelist Lukas die erste Begegnung zwischen Johannes und Jesus, die fortan eine schicksalhafte Nähe verbinden wird, im Leben und im Tod. Und wir haben es auch mit einer Seligpreisung zu tun „Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“. Statt zu sagen oder zumindest zu denken „Was kann dieses junge Ding mir schon helfen?!“ ahnt Elisabet die Größe des Augenblicks und formuliert die Worte, die ebenfalls ins Ave-Maria-Gebet eingegangen sind: „gesegnet ist die Frucht deines Leibes“.

Das hat mich besonders angesprochen

„Maria machte sich auf den Weg“. Diese kleine Szenenbeschreibung enthält für mich eine besondere Botschaft. Wer es mit Christus zu tun bekommt, so wie Maria mit ihrem ungeborenen Jesus unter dem Herzen, wird nie mehr stehen bleiben. Sich auf den Weg zu machen enthält eine Dynamik, die den Jüngerinnen und Jüngern Jesu eigen ist. So schön es ist, eine Heimat zu haben und ein Heim: letztlich sind wir alle Wanderer auf dem Lebenspfad unserer Vollendung. Zumindest intuitiv haben dies viele Menschen neu entdeckt, die als Pilgerinnen und Pilger dem Sinn und Ziel ihres Lebens auf die Spur kommen wollen. – Es heißt zudem, dass der Weg Mariens durch das „Bergland von Judäa“ ging. Also hügeliges Gelände und kein Spazierweg für den Sonntagnachmittag. Wer sich ins Bergland aufmacht, muss mit Hindernissen und Gefahren rechnen, auch mit der Begrenztheit seiner eigenen Kräfte. Und nicht immer ist der Kompass zur Hand, der uns davor bewahrt uns zu verlaufen.

Das sagt mir das Evangelium für mein Leben

Ein Wort Martin Bubers hat es mir angetan, seit ich es zum ersten Mal vernommen habe: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“. Indem Maria und Elisabet zueinanderkommen, meldet sich das „wirkliche Leben“ zu Wort. Wie oft weiche ich einer unangenehmen Begegnung aus, weil mir der Zeitpunkt nicht passt oder ich sogar mit diesem und jenem Menschen eigentlich nichts zu tun haben will. Zugleich jedoch kenne ich die Erfahrung, dass gerade in Begegnungen, denen ich ausgewichen bin, oder von denen ich mir nichts versprochen hatte, völlig unerwartet etwas menschlich Großes geschah: Einverständnis, Versöhnung, neue Freundschaft. Um da seinem eigenen Glück nicht im Wege zu stehen, braucht es Beweglichkeit und Zuversicht, braucht es Neugier und Zuneigung. Und es braucht manchmal auch den Mut, ins Bergland zu gehen und zu kämpfen. Die großen Entdeckungen des Lebens finden sich nicht auf der Einkaufsmeile. Aber irgendwann flüstert das „Navi“ unseres Herzens: „Du hast Dein Ziel erreicht!“

Mittwoch, 20.12.2017

Evangelium am Mittwoch, 20.12.2017 (Lk. 1, 26-38)

Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

 

Darum geht es

Wie keiner der drei anderen Evangelisten beschreibt Lukas das Werden und Wirken Jesu Christi mit der Feinfühligkeit eines Beobachters, der ein Auge hat für das Kleine und für die Kleinen. Davon macht die heutige Passage der Kindheitsgeschichte keine Ausnahme. Geschildert wird die Begegnung zwischen dem Botenengel Gabriel und Maria aus Nazareth. Der Inhalt dieses Geschehens hat seinen Niederschlag im „Ave Maria – gegrüßet seist Du, Maria“ gefunden, das neben dem Vaterunser zu den großen Gebeten des Glaubens gehört. Die Ankündigung der Geburt eines Sohnes stürzt Maria in eine tiefe Verlegenheit. Wie soll sie schwanger werden ohne den intimen Kontakt mit einem Mann? Für eine junge Frau in der damaligen Zeit ist das sicher keine leichte Vorstellung, erfüllt von Verunsicherung und Scham. Dazu noch der unglaubliche Inhalt der Prophezeiung: „Sohn des Höchsten, immerwährender Herrscher auf Davids Thron.“ Dies sollen die Ehrenbezeichnungen ihres Kindes werden. Das ist atemberaubend. Doch der Gottesbote beruhigt sie: „Für Gott ist nichts unmöglich“. In gläubigen Vertrauen stimmt Maria zu: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“.

Das hat mich besonders angesprochen

Dass Maria bei der Begegnung mit dem Engel die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben steht, kann ich nur zu gut verstehen. Nicht nur der außerordentlich wertschätzende Gruß, sondern vor allem der Inhalt der Botschaft setzt ein starkes Herz und tapferes Gemüt voraus. Wir wissen, dass Maria diese Stärke ein Leben lang brauchen wird, bis hin zu der Stunde, in der sie den vom Kreuz abgenommenen toten Sohn auf ihren Schoß gelegt bekommt. Mich spricht die Tapferkeit und Ehrlichkeit dieser jungen Frau an. Sie ziert sich nicht und nimmt die Herausforderung an. Ihr Wort „Ich bin die Magd des Herrn“ hat nichts Kleinkariertes oder Erbärmliches an sich, sondern es strahlt eine große Würde und Reife aus. Wer so „ich bin bereit“ sagt, setzt sein Leben aufs Spiel, auf das Spiel der Liebe Gottes zu uns Menschen. Im Gedenkjahr Martin Luthers darf man daran erinnern, dass der Reformator eine ungebrochene Marienfrömmigkeit in sich trug. Offenkundig wusste er zu unterscheiden zwischen wirklicher Größe und selbstherrlicher Eitelkeit. Eine „marianische“ Kirche wäre kein schlechtes Reformideal.

Das sagt mir das Evangelium für mein Leben

Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Bub in der Rosenkranzandacht versuchte, wirklich einmal von Anfang bis Ende andächtig zu beten. Mit den Fingern abgezählte 53-mal hatte ich die Szene vor Augen, wie der Erzengel ins Zimmer der Maria eintritt und sein „Gegrüßet seist Du Maria!“ ausspricht. Am Ende jener Andacht war ich schweißgebadet, vor lauter Konzentration wie auf eine Filmszene, die sich Mal um Mal wiederholte. Es hat Jahre, sogar Jahrzehnte gedauert, bis ich wieder eine Beziehung zum Rosenkranzgebet gefunden habe. Unter dem südlichen Sternenhimmel in der argentinischen Pampa durfte ich in einem Gebetskreis von Gläubigen die verborgene Macht des „Dios te salve, Maria“ neu entdecken. Es geht um eine ganz besondere Sensibilität für Weiblichkeit und Mütterlichkeit, und dafür, worauf alles zuläuft: auf die Frucht des Leibes: Jesus. „Magd sein“ und „Knecht sein“ taugen nicht zum Wort des Jahres. Aber ein Mensch ist nicht wirklich bei seiner Würde angekommen, bevor er nicht die Bereitschaft des Dienens für sich entdeckt hat.

Dienstag, 19.12.2017

Evangelium am Dienstag, 19.12.2017 (Lk. 1,5-25)

Zur Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester namens Zacharias, der zur Priesterklasse Abija gehörte. Seine Frau stammte aus dem Geschlecht Aarons; sie hieß Elisabet. Beide lebten so, wie es in den Augen Gottes recht ist, und hielten sich in allem streng an die Gebote und Vorschriften des Herrn. Sie hatten keine Kinder, denn Elisabet war unfruchtbar, und beide waren schon in vorgerücktem Alter. Eines Tages, als seine Priesterklasse wieder an der Reihe war und er beim Gottesdienst mitzuwirken hatte, wurde, wie nach der Priesterordnung üblich, das Los geworfen, und Zacharias fiel die Aufgabe zu, im Tempel des Herrn das Rauchopfer darzubringen. Während er nun zur festgelegten Zeit das Opfer darbrachte, stand das ganze Volk draußen und betete. Da erschien dem Zacharias ein Engel des Herrn; er stand auf der rechten Seite des Rauchopferaltars. Als Zacharias ihn sah, erschrak er, und es befiel ihn Furcht. Der Engel aber sagte zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias! Dein Gebet ist erhört worden. Deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Johannes geben. Große Freude wird dich erfüllen, und auch viele andere werden sich über seine Geburt freuen. Denn er wird groß sein vor dem Herrn. Wein und andere berauschende Getränke wird er nicht trinken, und schon im Mutterleib wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein. Viele Israeliten wird er zum Herrn, ihrem Gott, bekehren. Er wird mit dem Geist und mit der Kraft des Elija dem Herrn vorangehen, um das Herz der Väter wieder den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zur Gerechtigkeit zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen. Zacharias sagte zu dem Engel: Woran soll ich erkennen, dass das wahr ist? Ich bin ein alter Mann, und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter. Der Engel erwiderte ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ich bin gesandt worden, um mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen. Aber weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die in Erfüllung gehen, wenn die Zeit dafür da ist, sollst du stumm sein und nicht mehr reden können, bis zu dem Tag, an dem all das eintrifft. Inzwischen wartete das Volk auf Zacharias und wunderte sich, dass er so lange im Tempel blieb. Als er dann herauskam, konnte er nicht mit ihnen sprechen. Da merkten sie, dass er im Tempel eine Erscheinung gehabt hatte. Er gab ihnen nur Zeichen mit der Hand und blieb stumm. Als die Tage seines Dienstes (im Tempel) zu Ende waren, kehrte er nach Hause zurück. Bald darauf empfing seine Frau Elisabet einen Sohn und lebte fünf Monate lang zurückgezogen. Sie sagte: Der Herr hat mir geholfen; er hat in diesen Tagen gnädig auf mich geschaut und mich von der Schande befreit, mit der ich in den Augen der Menschen beladen war.

 

Darum geht es

Das Lukasevangelium erzählt von Elisabet und Zacharias, einem kinderlosen Paar im vorgerückten Alter, das die Hoffnung auf Nachwuchs längst aufgegeben hat. Deswegen ist der Priester Zacharias auch nicht bereit, die Botschaft eines Engels zu akzeptieren, der ihm die Geburt eines Sohnes ankündigt. Und von diesem Sohn wird Großartiges verheißen: „Er wird dem Herrn vorangehen, um das Herz der Väter wieder den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zur Gerechtigkeit zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen.“ Johannes, so soll dieses Kind heißen, wird ein Vorbote der Liebe sein. – Diese Verheißung ist zu viel für Zacharias. Er kann das alles nicht glauben und verstummt. Der Engel bekräftigt dies. „Du sollst stumm sein und nicht mehr reden können, bis zu dem Tag, an dem all das eintrifft“. Und dann geschieht, was weder Zacharias noch Elisabet für möglich halten: sie wird schwanger und bricht in den Jubel aus „Der Herr hat mir geholfen!“

Das hat mich besonders angesprochen

Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein tränenreiches Schicksal, es steckt voll von Selbstvorwürfen und Empfindungen der Minderwertigkeit. Nicht wenige Ehen und Partnerschaften scheitern in der Erfahrung ihrer vermeintlichen Unfruchtbarkeit. Ein kleiner Hinweis im heutigen Evangelium lässt mich aufhorchen. Der Engel sagt zu Zacharias „Dein Gebet ist erhört worden“. Zacharias hatte die Hoffnung also nicht aufgegeben. Jenseits seines amtlichen Dienstes als Vorbeter der Gemeinde hat Zacharias offenbar nicht aufgehört, das Undenkbare zu denken und zu erbitten. Womöglich hat er seine stummen Gebete sogar seiner Frau verborgen gehalten, um sie nicht noch trauriger zu machen. Diese Diskretion der Liebe spricht mich an, das von Hoffnung wider Hoffnung erfüllte Gebet des Zacharias. Eines ist der immer neue biologische Versuch, ein Kind zu zeugen. Etwas Anderes ist es, die kreatürliche Sehnsucht nach Elternschaft im Gebet zu bergen. Jedes neue Leben ist Geschenk, auch wenn es – nüchtern betrachtet – „ganz normal“ entsteht.

Das sagt mir das Evangelium für mein Leben

Ein katholischer Priester, der ich bin, kann nicht behaupten, ein Experte für ungewollte Kinderlosigkeit zu sein. Aber die Sehnsucht nach Elternschaft, nach neuem Leben, die kann ich gut nachvollziehen, weil ich sie auch in mir kenne. Als Zölibatär leben heißt ja nicht, seinen Gefühlen abzuschwören und sich auf eine vermeintlich erhabenere Stufe menschlicher Existenz zu begeben. Deswegen fühle ich mich dem Priester Zacharias nahe und verbunden. Er hat einen amtlichen Auftrag, aber in seinem Herzen ist auch Platz für das ganz Persönliche, das Menschliche. Wer dies nicht zulässt, wird stumm wie Zacharias. „Stumm“ nicht nur in dem vordergründigen Sinn, dass er nicht mehr sprechen kann. Nein, er verliert die Fähigkeit zur Kommunikation, zum wirklichen Dialog. Gott will aber keine Funktionäre, sondern Menschen, die wie Paulus bekennen: „Wir tragen den Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“. Als später, nach der Geburt des Kindes, Zacharias als Vater gebeten wird, den Namen des Kindes festzulegen, kann er plötzlich wieder sprechen. „Sein Name ist Johannes!“ sagt er. „Johannes“ bedeutet übersetzt „Gott ist reich an Gnade“. Diesen Satz kenne ich aus vielen Augenblicken meines Lebens, wenn ich mich in guten Begegnungen beschenkt und glücklich fühlte. Dann trage auch ich unsichtbare Kinder in meinen Armen und gebe ihnen immer neu den Namen „Johannes“.

Montag, 18.12.2017

Evangelium am Montag, 18.12.2017 (Mt. 1, 18-24)

Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

 

Darum geht es

Der dem Matthäusevangelium vorangestellte Stammbaum Jesu endet mit einer Beschreibung der näheren Umstände der Geburt Jesu. Mit einer für heutige Ohren nicht ganz leicht begreiflichen Selbstverständlichkeit wird der Umstand der Jungfrauengeburt geschildert. Josef, der Verlobte Marias, muss erkennen, dass seine Braut schwanger ist – ohne seine Beteiligung. Statt Maria Vorwürfe zu machen und sie der Untreue zu bezichtigen, entschließt sich Josef zu einer Trennung: „in aller Stille“, wie es heißt. Er will keinen Aufstand, keine Empörung, keinen Skandal – „weil er gerecht war“, heißt es zur Begründung. Im Traum erhält er die Nachricht, dass das Kind, das Maria erwartet, „vom Heiligen Geist“ ist. Über die näheren Umstände dieser geistgewirkten Schwangerschaft wird kein Wort verloren. Nicht wenige Menschen empfinden dies als skandalös und tun die Geschichte als verrücktes Märchen ab. Sie vergessen darüber leicht den Satz „einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt ‚Gott ist mit uns!’“ Dies ist der Zielsatz – über medizinische Eigentümlichkeiten wird nicht spekuliert.

Das hat mich besonders angesprochen

Mich beeindruckt die Haltung des Josef. Er muss Maria sehr geliebt haben, dass er mögliche Schande und Spott auf sich nimmt. In der Kunstgeschichte wird er oft als alter Mann dargestellt wird, der sozusagen mit Sex und Zeugung nichts mehr am Hut hat, sozusagen ein Tattergreis, der alles mit sich machen lässt. Eine solche Interpretation wird dem verlobten Josef sicher nicht gerecht. Seine Haltung ist nicht die des gehörnten Ehemanns, sondern die eines tiefgläubigen Menschen, der sich von Gott seine allzu begreiflichen irdischen Sehnsüchte buchstäblich aus den Armen wegnehmen lässt. Und noch etwas: seine Entscheidungen fallen im Traum. Nicht unsinnige Traumgespinste, sondern die Wachheit eines Menschen, der sich auch in den Traumgesichtern seiner Seele auskennt, sind das Einfallstor für Gottes Heilsgeschichte.

Das sagt mir das Evangelium für mein Leben

Vielleicht würde ich es mir zu leichtmachen, einfach von den immer neuen göttlichen Überraschungen in unserem Leben zu sprechen und damit zur Tagesordnung überzugehen. Der Zweifel bleibt doch: kann das stimmen? War das wirklich so? So wie der Apostel Thomas seine Finger in die Seitenwunde des Auferstandenen legen will, bevor er die neue Wahrheit akzeptiert, darf auch ich mich bei der Frage aufhalten, warum Gott diesen provozierenden Weg gewählt hat, den Retter der Welt aus dem Schoß Mariens entstehen zu lassen, ohne Zutun eines Mannes. Aber vielleicht ist im Begriff „Provokation“ auch schon eine Antwort enthalten. Wir Menschen, die wir alles so gerne im Griff haben und uns verwirklichen wollen, dürfen – Gott sei Dank! – immer wieder einmal erleben, dass die größten Ereignisse in unserem Leben Geschenk sind, dass unsere menschliche Natur und Gottes Liebe eine Hoch-Zeit der Gnade eingehen. Was an Maria geschah, ereignet sich auch in manchen Wundern unseres Lebens. Provozieren heißt „herausrufen“, den Blick weiten. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!